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Venite Adoremus – Weltkrippenkongress 2016 in Bergamo

 Die Klüsserather Krippenfreunde haben mit 39 Teilnehmern die zweitgrößte Delegation auf dem 20. Weltkrippenkongress in Bergamo, Italien, gestellt. Die italienischen Krippenfreunde aus der Region Bergamo unter Führung des bekannten Krippenbauers Claudio Mattei aus Ponte San Pietro hatten vom 19-23. Oktober 2016 ca. neunhundert Krippenfreunde aus aller Welt zu Gast auf dem „XX Congresso Internazionale UN.FOE.PRAE.“ unter dem Motto „Venite Adoremus“ (kommt lasset uns anbeten). Den Teilnehmern wurden in fünf perfekt organisierten Tagen zehn Krippenausstellungen, zwei exzellente Konzerte und ein hervorragendes Gala-Dinner eingebettet zwischen einen Eröffnungsgottesdienst und ein Pontifikalamt geboten. Dominierendes Thema der Ausstellungen waren Dioramen in der Tradition der realitätsnahen „Presepio Populare“, den modernen italienischen Heimatkrippen.

 XX Congresso Internazionale UN.FOE.PRAE., Centro Congressi Giovanni XXIII, Bergamo (Foto: S. Ellenrieder)
XX Congresso Internazionale UN.FOE.PRAE., Centro Congressi Giovanni XXIII, Bergamo (Foto: S. Ellenrieder)

Für den Kongress hatten die italienischen Krippenfreunde in der Kirche San Pancrazio in der sehenswerten Altstadt von Bergamo die nationale Ausstellung „I Diorami Presepistici Italiani“ aufgebaut. Hier stellten Krippenbauer aus ganz Italien Dioramen aus, welche z.T extra für diese Ausstellung geschaffen wurden, besonders ausdrucksstark, Fabio Marutis „Il sogno di Giuseppe“ (Josefs Traum): ein einsamer Josef, geschaffen von Francesco Narracci, steht halb abgewandt unter einem nächtlich erleuchten Torbogen und starrt hinaus in die Dunkelheit. Farbgebung und Beleuchtung machen dem Betrachter seine Verunsicherung und die Größe der Entscheidung, die von ihm verlangt wird, unmittelbar erfahrbar.

Im ehemaligen Kloster San Francesco wurde in einer kleinen Ausstellung mit Photos und Dokumenten die Geschichte der UN.FOE.PRAE. nachgezeichnet. In der Ausstellung „L'Arte del presepio Italiano“ ebendort fiel eine offene Krippe auf, welche Jesus als krabbelndes Kind auf dem Weg von der Krippe – mit den heiligen Franziskus in der Rolle des Josefs - zum Tod auf Golgatha – symbolisiert durch das Kreuz in der Kirche in Assisi - darstellt und damit gleichzeitig auf den Ursprung der Weihnachtskrippe und den Sinn von Weihnachten verweist.

Zwei Tage des Weltkrippenkongresses waren den Krippenmuseen der veranstaltenden Vereine vorbehalten. Siebzehn Busse brachten die Teilnehmer zu den Ausstellungen in Ponte San Pietro, Brembo di Damine, Almenno San Bartolomeo und Castelli Calepio. Auch hier dominierten die Dioramen im realistischen Stil. Auffällig die Breite und Qualität der Arbeiten. Viele Krippen zeigten Maria, Josef und das Kind in realitätsnahen Haltungen, z.B. liegende Maria mit dem Kind im Arm oder Josef, der mit dem Kind spielt. Dagegen waren die Krippen mit der in Deutschland typischen Anbetungsgruppe eher selten. Natürlich kann Realismus auch in die Irre führen, wie in jeder Krippe mit dem Titel „Die Heilige Familie“ in der nationalen Ausstellung in Bergamo, in der ein Josef mit geflickten Hosen und gestopften Socken in seiner großbürgerlichen Wohnung auf dem 2x2m Doppelbett mit dem Jesuskind spielt. Es stellt sich die Frage „Welchen Anstoß möchte diese Krippe geben?“

Schneekrippe: Rast auf der Flucht, 20. Wltkrippenkongreß, Bergamo (Foto: F. Saßmann)
Schneekrippe: Rast auf der Flucht, 20. Weltkrippenkongreß, Bergamo (Foto: F. Saßmann) 

Bei den Diskussionen der Klüsserather Krippenfreunde am häufigsten erwähnt wurde jedoch kein Diorama, sondern eine offene Krippe von Guido Raccagni mit dem Thema „Rast auf der Flucht“. Die der Pfarrkirche von Cividino-Quintano di Castelli Calepio gleich am Chorraum platzierte Krippe weist eine wie in einer Stil-Krippe reduzierte Architektur auf. Beeindruckende Terakotta-Figuren von Rafaele de Angelis zeigen einen erschöpften Josef mit dem Kind auf dem Knie, dem Maria gerade ein wenig Wasser in den hochgehaltenen Becher gießt. Der Esel frisst still aus einem Eimer. Gedämpftes Licht in dem höhlenartigen Rastplatz und gleißendes Wüstensonne auf dem Hintergrund zeigen, wie verletzlich diese Situation ist. Theologisch ist diese Krippe vielleicht nicht so bedeutsam, wie die berühmte Brückenszene „Flucht nach Ägypten“ von Claudio Mattei, aber emotional ist sie viel dichter beim Betrachter. Eine Flucht war noch nie ein Zuckerschlecken, vor 2000 Jahren nicht und heute auch nicht. Die Terrakotta-Figuren der beiden bereits erwähnten Künstler Rafale de Angelis und Francesco Narracci wurden gemeinsam mit den kaschierten Figuren der Firma HEIDE aus dem Grödnertal bei Weitem am häufigsten gezeigt. Künstlerisch standen ihnen die hochwertigen Kunststofffiguren von Montserrat Ribes Daviu oder Lando Landi kaum nach. Holzgeschnitze Figuren waren dagegen sehr selten.

Guido Raccagni / Raffaele de Angelis: Rast auf der Flucht, Cividino-Quintano (Foto: S. Ellenrieder)
Guido Raccagni / Raffaele de Angelis: Rast auf der Flucht, Cividino-Quintano (Foto: S. Ellenrieder)

Das Rahmenprogramm des Weltkrippenkongresses konnte durch zwei hochklassige Konzerte bestechen. Am Donnerstag bezauberte der Jugendchor I PICCOLI MUSICI aus Casazza unter Leitung des Krippenbauers und Dirigenten Mario Mora die Zuhörer mit einem großen Konzert in der Kathedrale von Bergamo. I Piccoli Musici sind zurecht weit über Italien hinaus bekannt und konnten bereits im europäischen Fernsehen und vor der UNO in Genf auftreten. Am Freitag beeindruckte das Orchestra die Colli Morenici und der Coro Librico Citta di Brescia unter der Leitung von Giuseppe Orizio mit der Sopranistin Veronica Gasparini und dem Tenor Diego Cavazzin die Kongressteilnehmer im Auditorium des bischöflichen Seminars in Bergamo.

Die 1954 gegründete UN.FOE.PRAE. veranstaltet alle vier Jahre ihren Weltkrippenkongress an wechselnden Orten. 2012 fand der Kongress in Innsbruck, Tirol statt, 2016 Jahr in Bergamo, 2020 werden Aachen und die Euregio Maas-Rhein die Gastgeber sein. Die meisten Teilnehmer des diesjährigen Krippenkongresses kamen aus Italien und Spanien, die größte Delegation eines einzelnen Krippenvereins kam von der Insel Malta. Die Zahl der Teilnehmer aus Deutschland war dagegen überraschend gering. Lediglich die von Pia Madert geleitete Gruppe aus Klüsserath konnte mit fast 40 Personen eine nennenswerte Teilnehmerzahl stellen. Einige deutsche Krippenfreunde schlossen sich befreundeten österreichischen Reisegruppen an, denn ein gemeinsamer Auftritt des Verbands Bayerischer Krippenfreunde fehlte.

Citta Alta von der Plaza Nouva aus gesehen, Bergamo (Foto: I. Feise)
Citta Alta von der Plaza Nouva aus gesehen, Bergamo (Foto: I. Feise)

Nach fünf Tagen 20. Weltkrippenkongress in Bergamo werden zwei Dinge in Erinnerung bleiben: eine perfekte Organisation und eine überwältigende Fülle von Dioramendarstellungen. „Werdet Ihr wieder von den Italienern organisiert?“ leitete Klaus Porten, Vizepräsident der Bayerischen Krippenfreunde seinen Dank an die Organisatoren ein, um zu schließen „besser kann man einen Krippenkongress nicht machen.“ Alle Teilnehmer nehmen aus Bergamo die Erkenntnis mit, dass die Krippe verbindet, modern ist und Freude macht. Pierreluigi Bombelli, von der UN.FOE.PRAE. für seine Beiträge zum Krippenwesen geehrt, drückte es so aus: „Die Krippe ist kein Hobby, sie ist ein Camino de Vita, eine Lebenseinstellung.“ 

Hermann Feise